Kolonfunktionsstörungen

Eamonn Quigley

Divertikelerkrankungen
Die wachsende Bedeutung der Divertikulose als ernst zu nehmendes Gesundheitsproblem in den westlichen Industrienationen zeigt eine englische Erhebung, gemäss welcher die jährliche alters-standardisierte Hospitalisationsrate wegen der Divertikulose von 25,1 Fällen pro 100'000 Einwohner in den Jahren 1989 und 1990 auf 28,2 Fälle pro 100'000 Einwohner in den Jahren 1999 und 2000 anstieg [1]. Die Inzidenz der perforierten Divertikulose betrug in einer retrospektiven britischen Studie 2,7 Fälle pro 100'000 Personenjahre, wobei sich die alters- und geschlechtskorrigierte Inzidenzrate in den Jahren 1990 bis 2005 mehr als verdoppelte und die Mortalität der Patienten mit einem perforierten Divertikel im ersten Jahr nach der Perforation im Vergleich zur allgemeinen Bevölkerung um das Sechsfache erhöht war [2]. Die vermutete Wirksamkeit von antiinflammatorischen Medikamenten bei der Behandlung der akuten Divertikulitis wird durch die Resultate einer US-amerikanischen Multizenterstudie mit 117 Patienten gestützt, in welcher die zwölfwöchige Behandlung mit Mesalazin gegenüber Plazebo zu einem signifikant stärkeren Rückgang der Symptome nach 12 und 52 Wochen führte [3]. Nach den Ergebnissen einer englischen Erhebung zum Verlauf der Divertikelerkrankung litten 34 Prozent der 124 Patienten mit einer Divertikulose an wiederkehrenden Bauchschmerzattacken kurzer Dauer, wobei sich eine vorangegangene akute Divertikulitis und ein erhöhter Wert auf der «Hospital Anxiety and Depression»-Skala als Prädiktoren für wiederkehrende Schmerzen erwiesen [4].

Colon irritabile
Die Bedenken wegen zu umfangreicher diagnostischer Abklärungen bei gastrointestinalen Erkrankungen werden durch eine irische Studie mit 2'590 Patienten betätigt, welche bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, bei organischen Leber- und Dünndarmerkrankungen sowie bei funktionellen Störungen in der Kindheit und Adoleszenz eine unerwünscht hohe Strahlenbelastung aufzeigte und damit die Notwendigkeit von evidenzbasierten Richtlinien für die bildgebende Diagnostik bei organischen und funktionellen gastrointestinalen Erkrankungen unterstreicht [5]. Das bei Frauen im reproduktiven Alter häufig vorkommende Colon irritabile führt gemäss einer englischen Kohortenstudie mit 100'000 schwangeren Frauen zu einer Zunahme des Risikos für eine Fehlgeburt um 21 Prozent und desjenigen für eine ektopische Schwangerschaft um 28 Prozent, was bei der pränatalen Betreuung von Frauen mit einem Colon irritabile berücksichtigt werden sollte [6].

Die postinfektiöse Ätiologie von funktionellen Darmbeschwerden belegt eine bei 1'028 Einwohnern einer spanischen Stadt durchgeführte Erhebung, wonach das Risiko für ein Colon irritabile bei den an einer Salmonellen-Gastroenteritis erkrankten Personen nach zwölf Monaten um den Faktor 7,8 erhöht war [7]. Des Weiteren geht aus einer britischen Studie hervor, dass sich bei den Patienten mit einem postinfektiösen Colon irritabile signifikant häufiger eine von Diarrhö dominierte klinische Ausprägung sowie eine stärkere Infiltration der Darmsubmukosa mit serotoninhaltigen enterochromaffinen Zellen findet und dass wesentlich seltener begleitende Angsterkrankungen oder Depressionen auftreten als bei den Patienten mit einem nicht-postinfektiösen Colon irritabile [8]. Einen gewissen Einfluss der körpereigenen Darmflora auf die Entwicklung des Reizdarmsyndroms lässt eine irische Studie vermuten, da bei den Patienten mit einem Colon irritabile gegenüber den gesunden Kontrollpersonen eine wesentlich geringere Variation in der Mikrobiotazusammensetzung des Darmes festgestellt wurde [9]. Allerdings scheinen gemäss einer neueren Untersuchung bei Patienten mit einem Colon irritabile zwei von den üblichen klinischen Subtypen unabhängige Subgruppen zu existieren, wovon die eine Patientengruppe eine normale Darmflora und die andere Patientengruppe eine gegenüber der Kontrollgruppe veränderte Darmflora aufweist [10]. Die Hypothese, dass bei der Pathogenese des Colon irritabile eine abnorme Immunaktivierung eine Rolle spielt, wird durch die Resultate von zwei Studien gestützt, welche in den Kolonbiopsien von Patienten mit einem Colon irritabile im Vergleich zu denjenigen von gesunden Kontrollpersonen eine verringerte Expression und Sekretion der an den mukosalen Abwehrmechanismen beteiligten Chemokine Interleukin-8, CXC-Ligand-9, CXC-Ligand-10 und Monozyten-chemoattraktives Protein-1 ergaben [11, 12].

Die Auswirkungen von psychischem Stress auf das Risiko für ein Colon irritabile gehen aus einer Studie mit 140 Patienten hervor, wonach 51 Prozent der Patienten mindestens ein und 19 Prozent der Patienten sogar mindestens zwei traumatische Erlebnisse wie den Tod einer nahe stehenden Person, körperliche Misshandlungen oder sexuellen Missbrauch in der Kindheit erlebt hatten [13]. Aufgrund der Resultate einer kleinen irischen Studie liegen bei Patienten mit einem Colon irritabile, die gleichzeitig an einer der häufig auftretenden extraintestinalen Komorbiditäten wie der Fibromyalgie, dem prämenstruellen dysphorischen Syndrom oder dem chronischen Müdigkeitssyndrom leiden, neben den beim Colon irritabile typischerweise erhöhten Plasmaspiegeln von Interleukin-6 und Interleukin-8 auch atypisch hohe Plasmaspiegel von Interleukin-1 und Tumornekrosefaktor- vor [14]. Nach dem heutigen pathophysiologischen Verständnis des Einflusses von physischem und psychischem Stress auf die gastrointestinale Symptome des Colon irritabile scheint eine komplexe Signalübertragung zwischen dem Zentralnervensystem und dem enterischen Nervensystem eine Rolle zu spielen, die vermutlich über eine durch Mastzellen vermittelte Sensibilisierung der enterischen sensorischen Neuronen abläuft [15–17]. Hinweise auf diese enterische Hypersensitivität liefern verschiedene Untersuchungen von Kolonbiopsien, welche bei Patienten mit einem Colon irritabile gegenüber gesunden Kontrollpersonen eine erhöhte Anzahl von Mastzellen sowie eine verstärkte Freisetzung der Mastzellenmediatoren wie Proteasen und Histamin aufzeigten, wobei die Mastzelleninfiltration in unmittelbarer Nähe von Nervenfasern besonders ausgeprägt und mit dem Schweregrad und der Häufigkeit der Bauchschmerzen korreliert war [15–17]. Die Aktivierung der sensorischen Nervenfasern wird überdies durch die Beobachtung gestützt, dass nach der Stimulation mit Kortikotropin freisetzendem Hormon im Blutplasma von Patienten mit einem Colon irritabile im Vergleich zu Kontrollpersonen eine stärkere Ausschüttung von adrenocorticotropem Hormon und von Cortisol nachgewiesen wird [18].

Im Rahmen einer prospektiven Studie zur Prävalenz von funktionellen Beschwerden bei einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung in Remission lag unter der Anwendung der Rom-II-Diagnosekriterien bei 60 Prozent der 62 Patienten mit einem Morbus Crohn und bei 39 Prozent der 44 Patienten mit einer Colitis ulcerosa ein Colon irritabile vor, wobei aber die bei diesen Patienten festgestellten hohen Calprotectinspiegel eher auf eine okkulte Entzündung als auf ein koexistierendes Colon irritabile hinweisen [19].

Prof. Dr. med. Eamonn Quigley
Department of Medicine
Cork University Hospital
e.quigley@ucc.ie


Literatur

1.Kang JY, Hoare J, Tinto A, et al. Diverticular disease of the colon-on the rise: a study of hospital admissions in England between 1989/1990 and 1999/2000. Aliment Pharmacol Ther 2003; 17: 1189–1195.
2.Humes DJ, Solaymani-Dodaran M, Fleming KM, et al. A population-based study of perforated diverticular disease incidence and associated mortality. Gastroenterology 2009; 136: 1198–1205.
3.Stollman N, Magowan S, Shanahan F, et al. Efficacy of delayed-release mesalamine in the prevention of GI symptoms following acute diverticulitis: results of the DIVA trial. Am J Gastroenterol 2010; 105: S139: 277.
4.Humes DJ, Simpson J, Neal KR, et al. Psychological and colonic factors in painful diverticulosis. Br J Surg 2008; 95: 195–198.
5.Desmond AN, McWilliams S, Maher MM, et al. Radiation exposure from diagnostic imaging among patients with gastrointestinal disorders. Clin Gastroenterol Hepatol 2012; 10: 259–265.
6.Khashan AS, Quigley EM, McNamee R, et al. Increased risk of miscarriage and ectopic pregnancy among women with irritable bowel syndrome. Clin Gastroenterol Hepatol 2012; 10: 902–909.
7.Mearin F, Pérez-Oliveras M, Perelló A, et al. Dyspepsia and irritable bowel syndrome after a Salmonella gastroenteritis outbreak: one-year follow-up cohort study. Gastroenterology 2005; 129: 98–104.
8.Dunlop SP, Jenkins D and Spiller RC. Distinctive clinical, psychological, and histological features of postinfective irritable bowel syndrome. Am J Gastroenterol 2003; 98: 1578–1583.
9.Codling C, O'Mahony L, Shanahan F, et al. A molecular analysis of fecal and mucosal bacterial communities in irritable bowel syndrome. Dig Dis Sci 2010; 55: 392–397.
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11.Mac Sharry J, O'Mahony L, Fanning A, et al. Mucosal cytokine imbalance in irritable bowel syndrome. Scand J Gastroenterol 2008; 43: 1467–1476.
12.Moloney G, Fanning A, Mac Sharry J, et al. Altered expression and activation of the CXCR3/CXCL10 chemokine system in irritable bowel dyndrome (IBS) mucosal biopsy tissue. Gastroenterology 2012; 142 (Supplement 1): S-557: Su2001.
13.Craig OF, Scully P, Dinan TG, et al. The clinical implications of childhood traumatic events in irritable bowel syndrome. Gastroenterology 2011; 140 (Supplement 1): S-534: Su2014.
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18.Dinan TG, Quigley EM, Ahmed SM, et al. Hypothalamic-pituitary-gut axis dysregulation in irritable bowel syndrome: plasma cytokines as a potential biomarker? Gastroenterology 2006; 130: 304–311.
19.Keohane J, O'Mahony C, O'Mahony L, et al. Irritable bowel syndrome-type symptoms in patients with inflammatory bowel disease: a real association or reflection of occult inflammation? Am J Gastroenterol 2010; 105: 1789–1794.
 


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